Ungefiltert? Natürlich verschönert

„Spieglein, Spieglein an der Wand, welcher Filter macht mich zur Schönsten auf ganz Instagram?“


Heute muss sich der Spiegel mit einem flüchtigen Blick begnügen. Meine Nase? Ein Gebirge. Meine Poren? Kraterlandschaften. Und meine Augen sehen aus, als hätte ich nachts gegen Muhammad Ali geboxt.

Also zücke ich mein Hosentaschen-Schönheitsstudio, öffne Instagram – auch bekannt als Instantglam – und lege mir einfach einen Filter über das Gesicht. Hauptsache die Unsicherheiten verschwinden. Wie von Zauberhand.

Welchen der 453 gespeicherten Effekte nehme ich heute? Natürlich den, der mich am authentischsten zeigt. Meine Follower sollen mich ja noch wiedererkennen. Theoretisch jedenfalls. Ich mache das ja schließlich nur für mich. Und für die 127 Leute, die meine Story sehen. Hashtag Selbstliebe.

Also klicke ich auf „Authentic Glow“, meinen treuen Begleiter. Der heißt so, weil „völlig unrealistisch“ sich schlecht verkaufen würde. Ein Klick und der Zauberbutton glättet meine Haut, hellt meine Augen auf und verleiht mir eine süße Stupsnase, als würde ich mich gerade für die Miss-Wahlen bewerben. Alles total natürlich, versteht sich.

Doch kaum ist das perfekt optimierte Ich in meiner Story gelandet, meldet sich dieses kleine schlechte Gewissen. Sonst kommt es nur vorbei, wenn ich Süßigkeiten vor dem Mittagessen esse: „Ist das noch Selbstliebe“, flüstert es, „oder schon digitale Schönheits-OP auf Knopfdruck?“

Plötzlich ertappe ich mich dabei, wie ich den Filter wegwische. Nur mal kurz schauen, wie ich eigentlich aussehe. Ein Fehler. Sofort wische ich wieder zurück. Dann doch wieder weg. Dann wieder drauf.
Mein Gesicht zu bearbeiten fühlt sich an wie Online-Shopping: in den Warenkorb rein, dann wieder raus, dann doch noch einmal hinzufügen.

Will ich mich nicht endlich so akzeptieren, wie ich bin? JA.
Will ich aber gleichzeitig auch aussehen wie meine eigene verjüngte Version aus einem Paralleluniversum? AUCH JA.

Nach dreißig Sekunden intensiver Selbstverhandlung – also einer Ewigkeit in Social-Media-Zeit, fasse ich einen mutigen Entschluss: Heute kein Filter. Heute bin ich nicht Authentic Glow, sondern authentic. Raw. Real. Eine Königin der Poren und Augenringe.


Ich verlasse Instantglam und öffne die gnadenlose Realität meiner Handykamera. Ich lächele tapfer, drücke mit zitternden Händen auf Aufnahme und lade ganz vorsichtig die Story hoch. Mission accomplished!

Kurz darauf schreibt mir meine beste Freundin: „Wow, welcher Filter ist das? Steht dir richtig gut!“ Ich runzle die Stirn. „Keiner?!“, tippe ich zurück. Dann sehe ich genauer hin und vergleiche mit meinem Spiegelbild. Die Haut makellos, die Augen leuchtend, die Nase verdächtig klein.

Ein kurzer Blick in die Einstellungen meines Smartphones.

Und da steht es, standardmäßig aktiviert: „Authentic Camera PLUS – für natürlich verschönertes Aussehen“.

Ich habe mich gegen einen Filter entschieden – mein Handy nicht. Es greift einfach trotzdem ein.

Natürlichkeit ist gut, natürlich Verschönern ist besser.