Lesedauer: 8 Minuten

Florian Nafz, Professor an der Hochschule München, spricht mit den Techtalkers über die Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz und Technischer Kommunikation. Mit seiner aktuellen Forschung im Bereich KI gestützter Codedokumentation gewährt er uns einen tieferen Einblick in das Thema.

Was ist Künstliche Intelligenz und was ist sie nicht?

Florian Nafz: Künstliche Intelligenz einheitlich zu definieren ist nicht vollständig möglich. Meine bevorzugte Definition ist die von Elaine Rich: Künstliche Intelligenz ist das Vermitteln von Fähigkeiten an eine Maschine, die der Mensch heute noch besser beherrscht. Ein Beispiel ist das autonome Fahren, ein großes Anwendungsgebiet der KI, das sich jedoch noch nicht vollständig entwickelt hat. Der Mensch kann aktuell, situativ noch besser im Straßenverkehr fahren als die Maschine. Man versucht daher, diese Fähigkeiten an die Maschine zu vermitteln, damit sie diese anwenden und weiterentwickeln kann.

Wie realistisch ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der technischen Kommunikation? Werden bereits KI-Systeme eingesetzt?

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz ist realistisch und kann bei korrekter Anwendung unterstützend sein. Das Konzept “Human in the Loop” ist dabei zentral, wobei der Mensch am Anfang und Ende des Prozesses beteiligt ist. KI wird oft für maschinelle Übersetzung und Dokumentenverwaltung eingesetzt, um Inhalte schnell zu finden. Bei der Dokumentenverwaltung können durch die Vergabe von Metadaten Inhalte schneller gefunden werden. Auch inhaltliche Duplikate in Dokumenten wie z.B. Textpassagen sind für die Künstliche Intelligenz erkennbar. Oftmals werden in großen Projekten Dokumente und Informationen unabsichtlich mehrfach gespeichert, welches Folgen mit sich bringt. Eine dieser ist das Entstehen von Inkonsistenzen bei Änderungen von bestehenden Daten und Informationen. Die KI kann diese ausfindig machen und selbstständig erkennen und vordefinierte Aktionen ausführen.

Ist Chat GPT in der Technischen Kommunikation einsetzbar?

Nicht immer. ChatGPT kann gut für das Umformulieren von Sätzen eingesetzt werden, vorausgesetzt, die Informationen sind klar definiert und beschränkt. Wenn ChatGPT jedoch selbstständig Informationen suchen und generieren soll, besteht die Gefahr, dass es etwas erfindet. Probleme sind hierbei unvollständige oder inkorrekte Informationen, sowie Datenschutz- und Urheberrechtsfragen.

Beispiel über die fehlerhafte Antwort von ChatGPT

Screenshot von ChatGPT erstellt am 24.11.2023 © Florian Nafz

In diesem Beispiel gibt ChatGPT falsche Antworten wieder. Die Quellen und Zitate, welche ChatGPT in diesem Beispiel ausgibt, sind nicht existent.

Sollten Unternehmen mit Technischen Redakteuren auf KI-Systeme setzen?

Diese Frage kann man nur individuell beantworten. Dabei kommt es immer auf die Wirtschaftlichkeit und die Qualifikation des Personals an. Ein spezielles KI-System in bestehende Unternehmen und Projekte zu integrieren, kostet viel Geld. Neben dem vielen Geld besteht die Gefahr, dass es Komplikationen bei dem Implementieren geben kann. Das sind zwei Punkte, die KI-Systeme in der Technischen Kommunikation erst mal unattraktiv gestalten. Jedoch kann es bei Großprojekten mit langer Laufleistung auch äußert attraktiv werden. Viele zeitfressende Tätigkeiten können so übernommen werden und der Redakteur könnte nachhaltig unterstützt werden. Natürlich spielen noch andere Punkte eine gravierende Rolle bei der Entscheidung, jedoch sind diese die wichtigsten.

Werden Technische Redakteure in der Zukunft durch Künstlicher Intelligenz ersetzt?

Nein, aber der Beruf wird sich höchstwahrscheinlich stark verändern. Redakteure könnten zu sogenannten ‘Prompt Engineers’ werden. Die künstliche Intelligenz wird repetitive Aufgaben mit erkennbaren Mustern übernehmen. Redakteure werden im Gegenzug mehr Vor- oder Nacharbeit leisten müssen. Die künstliche Intelligenz kann den menschlichen Aspekt der Kommunikation, der in diesem Beruf so wichtig ist, definitiv nicht ersetzen. Der KI fehlen die Empathie und die Fähigkeit, Zielgruppen so effektiv wie Menschen zu analysieren. Usability bleibt weiterhin eine menschliche Aufgabe.

Stößt die Künstliche Intelligenz auch an ihre Grenzen oder ist sie ein Wundermittel?

Grenzen zu definieren ist schwierig. Wenn wir an die Zeit vor ChatGPT denken, war für uns die Grenze der KI die menschliche Sprachfähigkeit.. Seit dem Hype um die KI haben wir definitiv neue Grenzen. Um das zu verdeutlichen, verwende ich immer das dritte Clarke´sche Gesetz. Das Gesetz stammt von Arthur C. Clarke. Es besagt: Jede hinreichend fortschrittliche Technologie muss uns wie Magie erscheinen. Das heißt, dass unser Horizont heute nur so weit reicht, wie unsere Vorstellungskraft. Es könnte sein, dass morgen schon jemand auf eine grandiose Idee kommt, diese umsetzt und unsere Grenzen erneut neu definiert. So war es auch mit dem Erscheinen von ChatGPT. Vielen erscheint das gruselig, andere versuchen, das Potenzial zu erkunden und wieder andere, es zu verbieten. Dieses Tool erschien in unseren selbst definierten Grenzen nicht möglich. Heute bildet es jedoch neue Grenzen. Die KI ist somit kein Wundermittel, jedoch kann sie ein guter Helfer sein.

Vielen Dank für Ihre Zeit und das aufschlussreiche Interview.

Mehr Informationen über Florian Nafz:

Florian Nafz ist Professor an der Hochschule München. Er studierte von 2001 bis 2006 an der Universität Augsburg und erwarb dort sein Diplom in Informatik. Anschließend vertiefte er sein Wissen und Forschungsinteresse durch das Absolvieren eines Doktorats in Informatik. Nach seiner akademischen Ausbildung trat Florian Nafz als Lead Software Architekt bei den Stadtwerken München an. Heute ist er Professor in dem Studiengang Technische Kommunikation. Seine Schwerpunkte sind angewandtes Softwareengineering, Softwarearchitektur, Cloud Computing & DevOps sowie Künstliche Intelligenz (Methoden und Anwendung).

 

Quelle:

Eigenaufnahme Interview

Das könnte Sie auch interessieren:

About Post Author