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Mediziner sehen Potential für die Virtuelle Realität bei der therapeutischen Behandlung von Phobien und Angststörungen. Doch welche Vor- und Nachteile bietet eine VR-Therapie und welche Meinung haben Experten zu diesem Thema?

Virtuelle Realität gegen die Angst

In Europa leiden laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie ungefähr 60 Millionen Menschen unter Angsterkrankungen, in Deutschland sind es rund 12 Millionen. Zu Angsterkrankungen zählen Panikstörungen, soziale und spezifische Phobien sowie generalisierte Angststörungen. Angsterkrankungen kommen somit häufiger als alle anderen Arten von psychischen Erkrankungen vor.

Häufig setzen Therapeuten die Expositionsmethode Ängste und Phobien zu behandeln. In der Behandlung führt der Therapeut den Patienten schrittweise an die angstauslösende Situation heran. Durch die Konfrontation mit ihren Ängsten soll es Betroffenen gelingen, diese zu überwinden. Genau hier setzt die VR-Technologie an: Virtuelle Reize können reale Ängste auslösen, ganz ähnlich Erlebnissen in der analogen Welt. Die Szenarien für die Behandlung von Höhenangst, Spinnenphobien oder Störungen des Sozialverhaltens lassen sich in der virtuellen Welt sehr gut nachstellen.

Angsttherapie in gewohnter Umgebung

Professor Andreas Mühlberger , Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Regensburg, befasst sich seit 20 Jahren mit der VR-Therapie bei Angststörungen. Den wichtigsten Vorteil von VR-Therapien sieht er darin, dass Menschen sich in ihrer gewohnten Umgebung mit ihren Ängsten auseinandersetzen können: „Die Idee, in einem geschützten Rahmen in eine virtuelle Situation reinzugehen, ist für viele einfacher und weniger belastend.” Fast 80 Prozent würden deshalb die VR-Therapie einer klassischen Konfrontation in der Realität vorziehen, so Mühlbergers Erfahrung.

Virtuelle Realität birgt Probleme in der Therapie

Heilpraktikerin Stefanie Pöschel sieht den Einsatz einer VR-Brille bei der herkömmlichen Therapiesitzung kritisch. Eine VR-Brille bedeckt während der Therapiesitzung das halbe Gesicht des Patienten. Ihrer Meinung nach ist vor allem Gestik und Mimik wichtig, um eine vertrauensvolle Beziehung während einer Therapiesitzung mit dem Patienten herzustellen.

Ein weiters Problem der Technologie ist die sogenannte VR-Krankheit. Sie tritt auf beim Tragen von VR-Brillen und äußert sich in Symptomen wie Übelkeit, Kopfschmerzen und Schwindel. Für Menschen, die unter diesem Effekt leiden, sind virtuelle Therapien nicht geeignet.

Angststörungen von zuhause aus therapieren?

Seit Anfang Februar bietet die Techniker Krankenkasse eine digitale Therapie namens “Invirto” zur Behandlung von Angststörungen an. Mithilfe einer VR-Brille und einer App soll die Behandlung von zu Hause aus möglich sein. Das Therapieprogramm umfasst acht Stunden therapeutisches Schulungsmaterial und fast vier Stunden VR-Bildmaterial. Laut der Krankenkasse eignet sich die App für die Behandlung von Agoraphobien mit und ohne Panikstörungen sowie für Panikstörungen und soziale Phobien.

Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung sieht den Einsatz von Gesundheit-Apps jedoch kritisch. Der Bundesvorsitzende Gebhard Henschel fordert, dass für Gesundheits-Apps dieselben Nachweise von Wirksamkeit gelten wie für herkömmliche Therapieverfahren. Außerdem ist er der Meinung, dass Krankenkassen die VR-Therapie nicht ohne ärztliche Untersuchung verschreiben dürfen: „Eine Krankenkasse sollte nicht eigenmächtig therapieren und Apps an ihre Versicherten geben, dessen Wirkung und Nebenwirkungen weder eingeschätzt noch aufgefangen werden.“

Andere Experten, wie der medizinische Psychologe Bartosz Zurowski am Universitätsklinikum Lübeck, ist von dem Nutzen der Virtuellen Realität überzeugt: „Es wird höchste Zeit, dass wir diese neuen digitalen Techniken endlich in der ambulanten Versorgung einsetzen. Ich bin mir sicher, dass wir damit die Behandlung entscheidend verbessern und das bisherige Angebot der ambulanten Psychotherapie ergänzen.“

Der größte Vorteil der VR-Therapie gegenüber der herkömmlichen Therapie ist sicherlich der Kosten- und Zeitaufwand. Der Patient benötigt für die Therapie in der virtuellen Welt lediglich eine VR-Brille mit passender App. Hier stellt sich aber auch die Frage, ob und inwieweit eine VR-Therapie überhaupt einen Therapeuten ersetzen kann. Dr. Diedrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, ist der Meinung: „Der Psychotherapeut muss der Gatekeeper für Diagnose und Therapieentscheidung bleiben“